In der Praxis zeigen sich immer wieder die gleichen Muster: Bauprojekte werden zu spät, zu teuer oder nur mit erheblichem Zusatzaufwand fertig. Gleichzeitig arbeiten auf der Baustelle täglich teils hochqualifizierte Menschen unter enormem Druck.

Ein zentraler Grund dafür: Wir behandeln Bauprojekte organisatorisch wie einmalige Projekte, faktisch aber laufen auf der Baustelle Produktionsprozesse. Nachfolgend erfahren Sie,

  • warum »production thinking« (also das Betrachten als Produktionsprozess) der notwendige Perspektivwechsel ist,
  • welche Rolle Produktionssysteme wie »Last Planner« System spielen,
  • weshalb Kollaboration spielentscheidend ist und
  • wieso all das eine tiefgreifende Transformation der Bauwirtschaft einleitet.

Bild 1: Kollaborative Erarbeitung von Produktionsplänen durch die Prozessverantwortlichen; Quelle: Bülent Yildiz

Bauprojekte sind Produktionen auf Zeit – nicht nur Projekte

Viele am Bau Beteiligte betonen gerne, dass jedes Projekt ein Unikat sei. Das Ergebnis – ein Gebäude, eine Anlage, eine Infrastruktur – ist tatsächlich individuell. Die Prozesse, die dorthin führen, sind es jedoch nicht:

  • Planen, Koordinieren, Freigeben
  • Materialien Beschaffen, Liefern, Einbauen
  • Qualität Sichern, Nachbessern, Übergeben

Diese Abläufe wiederholen sich – von Projekt zu Projekt, von Baustelle zu Baustelle. Genau hier setzt »production thinking« an. Was bedeutet »production thinking«? Es ist der konsequente Blick auf Bauprojekte als Produktion von Wert:

Aufbau eines gemeinsamen Produktionsverständnisses (Produktionslieferstrategie, Produktionsplan auf Basis klarer Prozesse und gemeinsame Produktionssteuerung)

  • Fokus auf Fluss statt auf isolierte Einzel­aktivitäten
  • Denken in Wertströmen statt in Gewerke-Silos
  • Takt, Rhythmus und Stabilität statt Ad-hoc-Umdispositionen
  • Systematische Reduktion von Verschwendung (Wartezeiten, Umwege, Umplanungen, Nacharbeit)
  • Stetige gemeinsame Nachjustierung

Die Baustelle wird damit nicht mehr als chaotischer Projektort verstanden, sondern als Produktionsstätte mit klaren Regeln, Routinen und Schnittstellen. BIM erweitert dieses Produktionsdenken um eine digitale Dimension:

  • Das Gebäudemodell wird zum digitalen Zwilling des Produkts und bildet – in Verbindung mit Zeit- und Ablaufinformationen – auch den Produktionsprozess ab.
  • Änderungen werden im Modell sichtbar, bevor sie auf der Baustelle teuer werden.
  • So wird BIM vom »schönen 3D-Modell« zum Planungs- und Produktionswerkzeug.

BIM wirkt dabei als digitale Antriebsfeder und Effizienzerhöher, der das Potenzial von Daten nutzbar macht.

Produktionssysteme im Bau: Vom Bauchgefühl zum System

Bild 2: Die Planerfüllung wird gemessen und Abweichungen analysiert, um darauf aufbauend die Strukturen kontinuierlich zu verbessern; Quelle: Bülent Yildiz

Die Betrachtungsweise »production thinking« bleibt wertlos, wenn sie nicht in den Alltag übersetzt wird. Dafür braucht es konkrete Produktionssysteme. Eines der wirksamsten Produktionssysteme im Bau ist das »Last Planner« System (LPS). Es verändert die Ablaufplanung grundlegend:

  • Planung durch diejenigen, die ausführen: Die »Last Planner«, d. h. die Prozessverantwortlichen für Planungs-, Beschaffungs- und Ausführungsprozesse (Projektleiter, Poliere, Bau- und Montageleiter, ausführende Unternehmen), planen ihre Arbeit selbst – kollaborativ und realitätsnah (Bild 1).
  • Rückwärtsplanung ab Meilensteinen: Vom Zieltermin wird rückwärts gedacht: Welche Voraussetzungen müssen wann erfüllt sein?
  • Verlässliche Zusagen statt Wunschtermine: Nur was tatsächlich machbar ist, wird zugesagt und eingeplant.
  • Frühe Hinderniserkennung (Constraints Management): Hürden werden sichtbar gemacht und systematisch abgebaut, bevor sie den Bauablauf blockieren.
  • Lernen aus Abweichungen: Planerfüllung wird gemessen, Abweichungen werden analysiert – nicht um Schuldige zu suchen, sondern um Strukturen zu verbessern (Bild 2).

Die Planungsmethode BIM wirkt dabei unterstützend für die Produktionssysteme im Bau. Im Zusammenspiel mit weiteren Werkzeugen entsteht ein leistungsfähiges Produktionssystem:

  • Taktplanung und -steuerung: Arbeiten im einheitlichen Rhythmus über definierte Taktbereiche.
  • Shopfloor Management: Tägliche Steuerungsroutinen direkt am Ort der Wertschöpfung
  • Digitale Qualitätssicherung: modellbasiertes Prüfen, Dokumentieren und Auswerten.

Speziell mit BIM als Datenbasis erhält man darüber hinaus eine transparente Mengen- und Logistikplanung: Benötigte Mengen und Lieferzeitpunkte lassen sich aus dem Modell ableiten – eine wichtige Basis für Pull- und Kanban-Konzepte und für eine stabilere Bauproduktion.

So liefern Lean-Produktionssysteme das organisatorische Betriebssystem, BIM das digitale Abbild und die Datenbasis für eine wirksame, produktionsorientierte Steuerung.

Kollaboration: Der spielentscheidende ­Erfolgsfaktor

Selbst das beste Produktionssystem scheitert, wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Kollaboration ist somit der spielentscheidende Faktor.

In traditionellen Projekten hingegen dominieren häufig

  • gegensätzliche Anreizsysteme,
  • Informationshoheit statt Transparenz,
  • Absicherung über Schriftverkehr statt Vertrauen und
  • Silodenken zwischen Planung, Ausführung und Betrieb.

Diese Muster stehen einer professionell gesteuerten Produktion diametral entgegen.

Das Buch »Kollaborative Projektabwicklung« des Autors zeigt, was High-Performance-Teams im Bau auszeichnet. Einige zentrale Elemente:

  • Gemeinsame Projektziele statt Einzeloptimierung: Bauherr, Planer und Ausführende arbeiten auf ein geteiltes Projektergebnis hin – technisch, wirtschaftlich und organisatorisch.
  • Geteilte Verantwortung und geteiltes Risiko: Risiken und Chancen werden früh transparent gemacht und gemeinsam gemanagt. Das reduziert die übliche »Claim-Kultur«.
  • Frühe Einbindung der Ausführung: Die Erfahrung der Bauausführung fließt bereits in die Planung ein. Die Folge: Baubare, robuste Lösungen statt Improvisation auf der Baustelle.
  • Interdisziplinäre, stabile Kernteams: Planung, Ausführung, Controlling, Betrieb: Menschen arbeiten phasenübergreifend zusammen, statt ständig die Ansprechpartner zu wechseln.

BIM kann diese Kollaboration konkret unterstützen. Denn richtig eingeführt, ist BIM mehr als Software – es ist ein gemeinsames Arbeitsmodell und verstärkt kollaborative Lean-Ansätze:

  • Single Source of Truth: Alle Beteiligten greifen auf ein gemeinsames Modell zu, statt mit unterschiedlichen Planständen zu arbeiten.
  • Gemeinsame Datenumgebung (CDE, Common Data Environment): Modelle, Pläne, Protokolle und Entscheidungen werden in einer strukturierten, zugänglichen Plattform abgelegt – nachvollziehbar und transparent.
  • Visuelle Kommunikation im so genannten »Big Room«: Modelle machen komplexe Sachverhalte schnell verständlich – ideal für Big-Room-Sessions (Bild 3) und / oder Taktplanungs-Workshops.

So liefert BIM das kollaborative Informa­tionssystem zu den kollaborativen Produk­tionssystemen (z. B. »Last Planner« System, Lean Construction). Erst im Zusammenspiel von Lean, Kollaboration und BIM entsteht das volle Potenzial.

Bild 3: »Big Room« als Ort der Kollaboration: Modelle machen komplexe Sachverhalte schnell verständlich; Quelle: Bülent Yildiz

Transformation: Weg von Einzelfertigung hin zur Produktionsstätte Baustelle

Dabei sind »production thinking«, Produktionssysteme, Kollaboration und BIM keine kosmetischen Verbesserungen. Sie markieren den Beginn einer Transformation der Bauwirtschaft: Vom Denken in Einzelfertigung hin zur Baustelle als moderner Produktionsstätte. Diese Transformation ist unvermeidlich, denn mehrere Entwicklungen erhöhen den Transformationsdruck:

  • Kostendruck und Fachkräftemangel
  • Wachsende Komplexität der Projekte
  • Digitalisierung und Datenverfügbarkeit

BIM, mobile Anwendungen, Sensorik und Datenanalytik bieten enorme Chancen – aber nur, wenn Lean-Prinzipien und Kollaboration die Basis bilden. Sonst digitalisieren wir nur Ineffizienz. Die Baustelle als Produktionsstätte bedeutet konkret:

  • Lean Construction als Grundprinzip
  • Shopfloor Management mit klaren Routinen vor Ort
  • Digitale Qualitätssicherung mit Rückkopplung ins Modell
  • Standardisierung und Vorfertigung, wo wirtschaftlich sinnvoll
  • Kulturwandel hin zur lernenden Organisation

Vom Einzelprojekt zur lernenden Organisation

Die eigentliche Transformation beginnt dort, wo einzelne Projekte nicht mehr als isolierte Ereignisse verstanden werden, sondern als Lernfelder:

Jede Baustelle liefert Daten und Erkenntnisse für die nächste.

  • Produktionssysteme werden nicht einmal »eingeführt«, sondern kontinuierlich weiterentwickelt.
  • Kollaborative Projektabwicklung wird vom Ausnahmefall zum Standard.
  • BIM-Modelle und Projektdaten werden bewusst genutzt, um wiederkehrende Lösungen und Prozesse zu verbessern.

So entsteht der Wandel von der projektgetriebenen Feuerwehrorganisation zur produktionsorientierten, daten- und lerngetriebenen Organisation im Bau.

Fazit & Ausblick: Die Zukunft des Bauens ist kollaborativ, produktionsorientiert und datengestützt

Wenn wir Bauprojekte in Planung und Realisierung konsequent als Produktionen betrachten, ergibt sich ein klares Bild:

  • »production thinking« liefert den notwendigen Perspektivwechsel.
  • Produktionssysteme wie das »Last Planner« System, Lean Construction, Taktplanung und Shopfloor Management übersetzen diesen Blick in den Alltag.
  • Kollaborative Projektabwicklung und High-Performance-Teams sorgen dafür, dass Menschen dieses System auch wirklich leben.
  • BIM ergänzt Lean als digitales Abbild der Produktion: kollaborativ im Ansatz, datengetrieben in der Wirkung und Antriebsfeder für Effizienzsteigerungen.

Die Transformation der Bauwirtschaft bedeutet: weg von der Einzelfertigung, hin zur Baustelle als moderner, digital unterstützter Produktionsstätte – auf Basis von Lean, Kollaboration und der intelligenten Nutzung von Daten.

Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob diese Transformation kommt, sondern wer sie aktiv gestaltet.

Autor

Bülent Yildiz, Gründer und Vorstand, refine Projects AG, Stuttgart

 

Quelle und Bildquelle: www.elektro.net